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[ Verena ]

Auf die Länge meines Armes

Taubblinde Kinder ertasten ihre Welt

von  Jutta vom Hofe

Ihre Welt ist nicht größer als der Radius ihrer Arme. Wer nicht hören und nicht sehen kann, ist auf Tasten und Fühlen angewiesen, um die Welt zu begreifen. In der Bundesrepublik gibt es laut Schätzungen rund 400 Kinder und Jugendliche, die gleichzeitig taub und blind sind. Früher galt eine Röteln-Erkrankung während der Schwangerschaft als Hauptursache für Taubblindheit. Aufgrund der Schutzimpfung werden nur noch wenige Kinder im Mutterleib durch Röteln geschädigt; heute sind es vor allem Frühchen, die unter der doppelten Behinderung leiden. So war es auch bei Verena. Die heute Neunjährige ist fast vier Monate zu früh geboren worden und wog bei ihrer Geburt nur 520 Gramm.

[ Verena und ihr Vater ] Verena lehnt sich gegen ihren Vater, ihre Finger suchen seine Hand. Wie Fühler, die vorsichtig im Dunkel tasten, streckt sie sie ihm entgegen. Langsam steht sie auf und zieht ihn hinter sich her. Zusammen gehen sie zum Eßtisch. "Du hast wohl Hunger", sagt Wolf-Dietrich Trenner. Verena setzt sich auf ihren Stuhl, der Vater bringt ihr einen Kinderteller mit Brei. Er hilft ihr, den Löffel zu füllen; zum Munde führen kann sie ihn selber.

Verena und ihr Vater unterhalten sich mit den Händen. Aufstehen heißt zum Beispiel in der Gebärdensprache: Zeige- und Mittelfinger der einen Hand in die Innenfläche der anderen Hand drücken und dann beide nach oben ziehen. Verena versteht diese Gebärde und reagiert darauf. Ihre eigene Sprache sieht trotzdem anders aus. Will sie den Vater bitten, aufzustehen, greift sie einfach nach seiner Hand und zieht ihn hinter sich her. Andere verstehen, heißt für taubblinde Kinder nicht zwangsläufig, sich auch in derselben Weise mitzuteilen. Es sind zwei Welten, zwischen denen es nur einige wenige Brücken gibt. Keiner kann den anderen in seiner Welt besuchen. Keiner weiß, wie es beim anderen aussieht.

[ Verena mit ihrer Trommel ] Fühlen ist alles für Verena. Im Guten wie im Schlechten. Wenn Wolf-Dietrich Trenner behutsam die Trommel schlägt, erspürt Verena mit den Fingern die Vibrationen des Instruments. Wenn sie in der Schule Heimweh bekommt, dann bohrt sie mit dem Zeigefinger in den Augen. "Wenn man nicht aufpaßt, macht sie das den ganzen Tag", sagt ihr Vater. Oder sie klopft mit der Hand immer wieder gegen ihren Kopf. Das machte sie, so Trenner, um sich selbst zu spüren und sich ihrer selbst zu vergewissern - eine typische Verhaltensweise für Taubblinde.

Fühlen bedeutet Orientierung. In dem langen Flur der Altbauwohnung haben die Trenners auf der einen Seite einen Handlauf für Verena angebracht. An dem Stück, das vor der Tür zu Verenas Zimmer endet, haben sie ein Zipfelmännchen aufgehängt. Das bedeutet: Dies ist mein Zimmer. Vor dem Bad hängt ein kleiner Waschlappen und vor dem Eingang zur Küche ein Löffel. Jeweils einige Zentimenter vor dem Ende des Handlaufs signalisiert ein Teppichnagel: Vorsicht, gleich endet das Geländer. Ob Verena das alles schon versteht? "Das lernt sie noch", kommentiert Wolf-Dietrich Trenner lächelnd.

"Taubblindheit bedeutet mehr als nur die Addition von Taubheit und Blindheit", sagt Dietrich Bunck, Direktor des Bildungszentrums für Taubblinde in Hannover. Gehörlose und Blinde könnten ihr Handikap im Unterschied zum Taubblinden durch den jeweils verbleibenden Sinn bis zu einem gewissen Grad kompensieren. "Denken Sie an den Blindenstock", sagt Bunck, "der ist natürlich zum Tasten da, aber das Wesentliche ist die kleine Metallkugel an seiner Spitze". Durch die Geräusche, die dieser Stock mache, könne der Blinde hören, ob sich in der Nähe zum Beispiel eine Hauswand befinde oder wie die Bodenbeschaffenheit sei.

Wenn aber wie bei Verena beide Fernsinne völlig gestört sind, dann fehlen nicht nur Töne und Bilder, sondern auch die Vorstellung von sich selbst und von anderen. Die Welt reicht nicht weiter als die Länge der eigenen Arme. Das einzige, mit dem Verena die Welt begreifen kann, sind ihre zehn Finger. Doch wer sagt ihr, was sie da fühlt und wozu man es braucht?

"Die fehlenden Erfahrungen sind ganz entscheidend", sagt Dietrich Bunck. Wie solle sich ein taubblindes Kind zum Beispiel eine Vorstellung vom Kölner Dom machen. Uschi, ein Kind aus seiner Schule, habe auf die Frage: "Wie groß ist der Kölner Dom?" geantwortet: "Der ist so hoch, da tun einem die Beine weh". Dieser "Realitätsverlust" setzt laut Dietrich Bunck dem Spracherwerb Grenzen. Nur das, was ein taubblinder Mensch kennt und versteht, kann er mitteilen. Die klassische Taubblinden-Sprache ist das Lormen. Es besteht aus einem Tast-Alphabet, bei dem bestimmte Zeichen, die auf die Innenfläche der Hand "geschrieben" werden, jeweils für einen Buchstaben stehen. Beim Abfühlen von Sprache nach Tadoma ertastet der taubblinde Mensch die Wörter von Mund und Kiefer seines Gegenübers.

[ Versunken in die Vibrationen der Trommel ] Austausch mit taubblinden Menschen bedeutet immer einen Eins-zu-Eins-Kontakt, sagt der gelernte Krankenpfleger Trenner, der als stellvertretender Vorsitzender im "Förderverband für Taubblinde" in Bonn mitarbeitet. Jede Kommunikation erfordert sehr viel Zeit und Geduld. Gebärden müssen häufig wiederholt werden, bis ein taubblindes Kind weiß: Klopfen auf den Rücken heißt "Warten" oder die Tasten auf dem Holztäfelchen bedeuten "Musik machen". Oder bis es die Zeichen für "Haus" oder "Liebe" und "Streit" entziffern kann. Wichtig ist nach Ansicht Trenners, die allgemein gebräuchliche Gebärdensprache zu benutzen. Wer eigene Symbole benutze, indem er zum Beispiel die vom Kind selbst entwickelten Gesten übernehme, mache das Kind von sich abhängig. Eine Gefahr, der viele Eltern taubblinder Kinder erliegen, denn es liegt nahe, die scheinbar kindgemäßere, weil selbst erfundene Gebärde zu akzeptieren.

Die Frage, wie selbständig taubblinde Kinder werden können, beschäftigt viele Eltern. Verena besucht seit ihrem zweiten Lebensjahr das Bildungszentrum für Taubblinde in Hannover, die größte der vier Taubblinden-Schulen in Deutschland. "Wir dachten damals", sagt Wolf-Dietrich Trenner, "daß der Schulbesuch der Förderung Verenas dient. Heute glauben wir, daß der Besuch in einer so weit entfernten Schule auf Kosten der emotionalen Entwicklung geht." Besser, als die taubblinden Kinder in wenigen großen Schulzentren zusammenzufassen, wäre es nach Ansicht viele Eltern, wenn die behinderten Kinder in der Nähe des Wohnortes zur Schule gingen und durch nahegelegene Frühförderzentren mitbetreut würden. Dann könnten die Kinder, falls die Eltern dies wollen und dazu in der Lage sind, bei ihren Familien leben.

Als Verena im Sommer für einige Wochen zu Hause war, hat das Mädchen im Alter von neun Jahren laufen gelernt. "Sie hat Wind so gerne", sagt ihr Vater. Deshalb ist die Familie häufig mit ihr am Rhein entlanggelaufen, erst mit Verenas Karre, später ohne. Während sie den Wind in Gesicht und Haaren spürte, hat sie hier ihre ersten Schritte gemacht.

© Aktion Sorgenkind